Alles ist möglich und erlaubt

Ich gehe aus dem Haus und mache meine gedankliche Tür hinter mir zu. Auf dem Weg zur sterbenden Frau, die ich begleite, gehen mir Gedanken durch den Kopf: Wie werde ich sie heute antreffen? Schläft sie, wird sie sprechen können? Kann sie heute auf sein? Wie wird ihr Gesamtzustand sein?

 

Ich wünsche mir Kraft und Klarheit für diesen Besuch. Ich komme an. Die ernsten Gedanken schiebe ich weg. Ich will Frohsinn und Freude mitbringen. Ich trete ein: Das Leuchten in den Augen bei der Begrüßung zeigen mir entgegengebrachtes Vertrauen und Freude. Jetzt bin ich nur für diese Patientin da. Alles, was ich erzähle, mache, tue, wird immer unterschiedlich sein: Ich lasse mir von früher erzählen, von der Arbeit, der Familie, den Freunden, den Hobbys, dem Lieblingsgericht.

Wir träumen gemeinsam: unternehmen gedankliche Bildbandreisen und Ausflüge, denn andere sind ja gar nicht mehr möglich. Ich höre zu, bin da, wärme kalte Hände und lasse mir auch meine eigenen kalten Hände wärmen. Wir singen Weihnachtslieder im Sommer – alles ist möglich und erlaubt.

Die verbleibende Zeit will ich für diese Patientin so schön wie möglich gestalten. Und wenn keine Worte mehr gesprochen werden können, bin ich da, übernehme die Atmung und halte die Hand.

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