Acht Besuche

Zehn Uhr – Termin bei Schwester D. in einem Altenheim im Landkreis. Ich bin sehr freundlich empfangen worden und werde im Bezug auf die Begleitung, die ich übernehmen soll und darf, gefragt zu meinen Vorstellungen und Erwartungen, die ich so konkret gar nicht hatte. Völlig offen auf jemanden zugehen – egal, wie alt, krank oder behindert derjenige ist – ist meine Grundhaltung.

 

1. Besuch
Schwester D. brachte mich nun zu Frau U. Sie ist ans Bett gefesselt (blöder Ausdruck!) – ist sie natürlich nicht! Vielmehr ist sie auf alle Hilfestellungen angewiesen: Essen reichen, Inkontinenzeinlagen wechseln, usw. Gedanken zu sammeln und sprechen fällt ihr sichtlich schwer. Ich habe ihr ein wenig von mir erzählt – wobei ich nicht weiß, ob sie es verstanden hat. Ich gab ihr etwas zu trinken und ein paar Löffel Joghurt. Die ganze Aktion war sichtlich sehr anstrengend für sie. Aber sie hat mich angelächelt, als ich ihre Hand nahm und ist dann zufrieden eingeschlafen.

2. Besuch
Einmal in der Woche besuche ich nun Frau U. Vielleicht erkennt sie mich dann ein wenig mehr? Ich habe mich bei den (jeweils wechselnden) Schwestern im Stationszimmer nochmal vorstellt. Alle wussten Bescheid. Schwester T. ging mit mir zusammen zu Frau U. Sie war ganz begeistert, dass sich jemand intensiver kümmern kann und erzählte, dass Frau U. früher zusammen mit ihrem Bruder im Wohnbereich war. Frau U. hat Krebs und leidet an der Alzheimer Krankheit. Schwester I. kam mit dem Mittagessen. Dafür musste Frau U. von der Seite auf den Rücken gelagert werden – was die Schwester im Hau-Ruck-Verfahren ohne jede Ansprache erledigte. Das Erschrecken und die Angst im Gesicht von Frau U. bleiben mir in Erinnerung. Ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen wäre wünschenswert. Verliert man so etwas mit der Zeit im harten Pflegealltag?

3. Besuch
Ich bin wieder bei Frau U. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie mich wieder erkannt hätte. Ich erzähle ihr ein wenig, dann schläft sie ein.

4. Besuch
Frau U. ist wach – hurra! Ich gebe ihr etwas zu trinken, das mag sie wohl sehr gern – sie hat großen Durst. Dabei schaut sie mich irgendwie schelmisch an. Ostern steht vor der Tür. Ich erzähle ihr, dass unsere vier Enkel zum Eiersuchen kommen werden. Ob sie mich verstanden hat? Ich muss an meine Mutter denken. Sie ist jetzt 95 Jahre alt geworden, aber noch gut auf den Beinen.

5. Besuch
Ich bin erschrocken! Frau U. hängt am Tropf und hat eine Anti-Dekubitus-Matratze, die ein lautes Geräusch macht. Sie sieht total verändert aus! Ich weiß ja: sie hat sich auf ihren Weg gemacht. Ihre Hand fühlt sich ganz heiß an. Als ich sie loslassen will, hält sie aber ganz fest. Was mag in ihr vorgehen? Die Augen bleiben geschlossen. Auf der Ablage über ihrem Bett steht eine Karte – Glückwünsche zu ihrem 80sten Geburtstag. Der war an Ostern.

6. Besuch
Ob mir mal jemand die Hand hält und ob ich merken werde, dass jemand an meinem Bett sitzt? Wir wird es sein? Schnell lege ich diese Gedanken beiseite. Frau U. atmet laut. Ich atme mit und sehe den ausgetrockneten Mund. Mir ist ganz elend und ich gehe nach Hause.

7. Besuch
Frau U. geht es unverändert. Nächste Woche verreise ich. Ich habe es ihr erzählt, weil ich da nicht kommen kann.

8. Besuch
Das Bett ist leer. Frau U. hat sich letzten Freitag verabschiedet. Schwester T. erzählt, dass sie friedlich eingeschlafen ist und Schwestern bei ihr waren.

zurück