Wenig Gutes... viel Schlimmes

Es ist der vierte Besuch bei Frau Sch. Sie hatte vor fünf Jahren einen Schlaganfall. Sie kann sich nicht mehr selber versorgen und ist ungern allein. Bei den ersten Besuchen habe ich sie als eine sehr mitteilsame Dame erlebt. Sie hat mir dabei viel von ihren Schicksalen berichtet. Von ihren Verwandten ist nur noch ihr ältester Sohn am Leben, der aber weit weg wohnt und nur ab und zu mal anruft (Weihnachten, Geburtstag). Sie kann sehr gut hören, aber sehr schlecht sehen und ist eingeschränkt in ihrer Wahrnehmung. Sie ist ansonsten meistens sehr wach und hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Sie lacht sehr gerne. Auch über sich selber macht sie Witze, eine Art Galgenhumor. Ich helfe ihr beim Gehen, indem ich sie stütze. Bei dem schönen Wetter möchte sie im Garten sitzen. Ich helfe ihr, sich hinzusetzen. Sie ist heute sehr abwesend.

 

Frau Sch. möchte etwas trinken. Ich gehe und hole den Saft, den sie so gerne mag. Frau Sch. schaut in die Ferne und ist ganz in Gedanken. Dann schaut sie mich an. „Ich hab viel erlebt im Leben“. Nach einer Pause sagt sie: „Wenig Gutes, … viel Schlimmes“ und schaut wieder in die Ferne. Ihre Augen werden feucht und sie erzählt, wie ihr Sohn sich in jungen Jahren aus Liebeskummer das Leben genommen hat. Ihre Trauer ist schwer und sie drückt meine Hand ganz fest. Sie hätte ihm immer gesagt, dass die junge Frau nicht gut ist für ihn. Es fällt ihr schwer anzunehmen, dass sie das Beste für ihren Sohn wollte, er aber nichts annehmen konnte. Für einen kurzen Augenblick denke ich daran, wie es wäre, wenn mein Sohn sich das Leben nehmen würde. Ich verschiebe den Gedanken ganz schnell „auf später“, wenn ich zu Hause bin und widme mich ganz Frau Sch. Was war denn das Gute, das sie erlebt hat? „Man erinnert sich halt meistens mehr an das Schlimme“, sagt sie. Über diese schlimmen Dinge zu reden ist ihr jetzt wichtiger. Sehr konzentriert erzählt sie aus der Zeit, als ihr erster Sohn geboren wurde. Der Vater war sehr streng und forderte die Heirat mit dem Vater des Kindes. Die Zwangsheirat stand unter keinem guten Stern. Der Ehemann zog dann in den Krieg und kam völlig verändert wieder zurück. Die Grundlage für eine funktionierende Ehe war nun völlig dahin, die Scheidung der einzige Weg. Die Beziehung zur Mutter war sehr eng, sagt sie und lächelt. „Sie war eine gute Mutter, da war ich glücklich“. Sie schaut mit einem Lächeln wieder in die Ferne. Und da möchte ich sie für heute auch belassen.

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