Glauben Sie an Wunder?

Frau A. sitzt in ihrem Lehnsessel. Ich begrüße sie und entschuldige mich, dass ich diese Woche nicht wie gewohnt mittwochs, sondern erst heute, Donnerstag komme. Sie blickt mich etwas missbilligend an. Sie habe gestern so schön den Kaffeetisch decken lassen und dann auf mich gewartet. Ich erkläre ihr, dass ich doch deswegen angerufen habe. Die Nachricht scheint nicht angekommen zu sein. „Es macht mich verrückt“, sagt sie, „wenn das Telefon klingelt, kann ich gar nicht so schnell aufstehen. Sehen Sie nur!“ Sie versucht, mühsam aufzustehen. Es klappt beim vierten Versuch. Ich helfe ihr dabei, soweit sie das will. Ob wir die Kaffeestunde von gestern nachholen wollen, frage ich sie. Sie will nicht. „Ich bin noch voll vom Mittagessen. Ich habe keine Kraft. Es wird von Tag zu Tag weniger. Am liebsten würde ich sterben. Und überhaupt. Ich vergesse auch so viel. Das Wort liegt mir oft auf der Zunge und ich weiß es nicht. Das macht mich verrückt.“

 

Ich ergreife ihre Hand, sie schaut mich verzweifelt an. Ich versuche, sie zu trösten: „Wenn wir alles behalten wollten, was wir erleben, müsste unser Gehirn viel, viel größer sein. Dann wäre unser Kopf vielleicht so groß wie ein Schrank und das sähe komisch aus …“. Das leuchtet ihr ein. Humorvoll wie sie ist, lachen wir beide. Sie gestattet mir nun, dass ich Kaffee hole. Als ich mit dem Tablett erscheine, drückt sie erneut ihr Bedauern aus. Der Kuchen gestern habe viel schöner ausgesehen. Sie lehnt es ab, sich zu mir an den Tisch zu setzen. Also setze ich mich neben sie mit dem Kaffee auf den Hocker. Das gefällt ihr auch nicht. Sie entschuldigt sich mehrfach, dass sie mir nicht mehr bieten könne. Ich versuche, sie zu trösten. „Schauen Sie nur“, sagt sie, „ich habe nicht alles mitnehmen können aus meinem schönen Haus. Ich habe nicht gedacht, dass ich hier bleibe. Am liebsten würde ich abhauen.“ Ich frage sie, wohin sie denn möchte. „Abhauen, einfach nicht mehr da sein“ lautet die Antwort, weil sie nicht mehr will. Kuchen hat sie noch keinen gegessen. „Ich esse nicht, bin noch voll vom Mittagessen“. Ich erwidere scherzhaft: „Wenn Sie nichts essen, werden Sie immer schmaler und sind dann bald ein Strich in der Landschaft.“ „Ich bin bald ein Landschaftsstrich“ wiederholt sie und wir lachen beide herzlich. Ich sage ihr, dass ich verstehen könne, wenn ihr das Leben keine Freude mehr mache und frage sie, ob sie mir vielleicht aus ihrem Leben berichten mag, als es schön war.

Dann erzählt sie wieder wundersame Geschichten aus ihrem Leben. Als sie von ihrem Mann erzählt „wir haben uns sechs Jahre gekannt und auf einmal war Liebe da“, leuchtet ihr Gesicht und Tränen der Rührung stehen in ihren Augen. Ab und zu gebe ich ihr den roten Faden zurück oder errate ein Wort, das ihr auf der Zunge liegt. Sie bedankt sich dafür. Immer wieder vergewissert sie sich, dass mich das, was sie erzählt, auch interessiert. Ich sichere ihr auch Verschwiegenheit zu, als sie mich bittet, dass dies und jenes unter uns bleiben möge. Ich vermute, sie würde es auch jemand anderes erzählen, der sich zu ihr setzt, sich Zeit nimmt, ihr zuhört, sie ernst nimmt, sie sein lässt mit ihren Unzulänglichkeiten und sie nicht ständig korrigiert. Immer wieder ärgert sie sich, dass ihr das eine oder andere Wort nicht einfällt. Der Satz „Ich werde noch verrückt“ fällt mehrmals an diesem Nachmittag. Ich lasse ihr Zeit. Dann plötzlich fragt sie mich: „Ich habe so viele Wunder erlaubt. Glauben Sie an Wunder?“ Sie schaut mich ernst an, fordert sozusagen meine Zustimmung. Ich kann sie so nicht geben. Spontan sage ich, dass es wohl viele Begebenheiten gibt, die nicht zu erklären sind, sodass sie uns wie ein Wunder erscheinen. Viele Menschen wünschten sich in ausweglosen Situationen ein Wunder und manchmal ereigne sich eines. Ihre nächste Frage kommt promt: „Glauben Sie?“

Ich weiß, dass es eine Nagelprobe ist, will aber ehrlich sein und antworte, ich hätte den Glauben irgendwann in meinem Leben verloren. „Gewinnen Sie ihn wieder!“ ruft sie mir zu. Welch ein eindringlicher Herzenswunsch, den sie für mich hat! Ich schaue sie an. Gestikulierend wiederholt sie: „Gewinnen Sie ihn wieder. Es liegt mir am Herzen. Es lohnt sich. Mir hat der Glaube in meinem Leben oft geholfen“. Ich frage sie, ob sie heute abend ein Vater unser oder einen Rosenkranz für mich beten wolle, damit ich den Glauben wiederfinde. Lächeln und zufrieden antwortet sie: „Das werde ich tun!“ Beim Abschied lässt sie es sich nehmen, wieder mühsam aufzustehen, mich auf ihre Hinfälligkeit hinzuweisen und mich zur Türe zu begleiten. Sie winkt mir dreimal nach, bis ich um die Ecke verschwunden bin. Ob sie wohl am Abend für mich betet? Ich habe es nicht mehr erfahren.

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